Ich selbst habe ebenfalls eine Entwicklung durchlaufen in der Art wie ich Shiatsu ausübe. Zunächst gespickt mit allem theoretischen Wissen aus der Ausbildung, motiviert alle erlernten Aspekte zu beachten, mir eine Vorstellung aus den Meridianfunktionen, dem Anliegen des Menschen und den körperlichen Auffälligkeiten zu erstellen, um besonders gut auf diese eingehen zu können in der Behandlung, hierbei die theoretischen Kenntnisse und praktischen Vorgehensweisen - wo und wie - am besten einzubauen und nichts auszulassen.
Über die Jahre hat sich für mich herauskristallisiert, dass es für mich, es ist gut möglich, dass es für einen anderen Shiatsupraktiker anders funktioniert, am wirksamsten ist, einfach präsent zu sein in meiner Wahrnehmung, in meinen Händen, ohne etwas wissen zu meinen.
Jede berührte Stelle, jede Veränderung, jede Besonderheit dieses Menschen anzunehmen erfahre ich immer wieder als sehr starke lösende und transformierende Kraft. In dieser Haltung gehe ich in den Kontakt. Mit dem, was ich spüre, gehe ich teils in Bewegung, teils in Ruhe mit dem sanften Druck mit. Oft bin ich selbst überrascht und fasziniert, was dann unter meinen Händen geschieht an Lösung, Bewegung, Pulsieren, zur Ruhe kommen, Aktivierung von Verbindungen und vielem mehr. So ist jede Behandlung auch für mich eine spannende Reise zu dem, was in diesem Menschen gerade zur Entwicklung und Lösung bereit ist.
Eine meiner Lehrerinnen sagte gern: „dieser Mensch behandelt sich gerade selbst“. Doch wieso tut er das nicht so schon zu Hause, warum geschieht das ganz besonders durch den Kontakt über diesen sanften Druck?
Ich erkläre die Wirkweise meiner Behandlungen den Klienten mittlerweile so:
Ich habe ein Problem.. ich denke nach, grüble, wende die Fakten vor und zurück und komme nicht auf eine zufriedenstellende Lösung.. Ich lade meinen besten Freund ein. Der setzt sich mir gegenüber in den Sessel. Er tut nichts. Er sagt nichts. Er hört mir „nur“ sehr aufmerksam zu.
… und plötzlich erzähle ich mir selbst die Lösung, auf die ich zuvor nicht gekommen war.
Ich höre quasi im Kontakt dem Meridian und damit dem Menschen aufmerksam zu, folge seiner inneren Bewegung und gebe ihm die Möglichkeit die Lösung, die er selbst am besten kennt und die schon in ihm verborgen liegt, zu finden.
In dem ganz individuellen komplexen Zusammenspiel, das sich in persönlichen Symptomen ausdrückt... ist Shiatsu eine Erfahrung mit sich selbst, ermutigt durch einen sehr achtsamen, respektvollen, Kontakt ... sich selbst begegnen .. Themen erspüren .. sich achten mit allem schönen und auch hässlichen, das unser Versuch unser Leben bestmöglich zu leben hervorgebracht hat... sich selbst wohlwollend, sanft anschauen, behutsam mit sich werden..
Eine Unterstützung durch mehr bei sich sein im Alltag immer mehr so zu handeln, zu planen, zu denken, dass es wohl tut, gesund hält und dadurch auch anderen Menschen zeigt, dass das möglich ist.. durch die sanfte Eigenfürsorge die auch andere wohlwollend anschimmert...
Zwischenzeitlich kam ich zunehmend in Unklarheit meiner Rolle zwischen Shiatsupraktikerin und Ärztin ... anatomisches Wissen, gepaart mit Wissen um Faszien und ihre Vernetzung.. inspiriert durch Patientenschicksale und auch aus eigenen gesundheitlichen Problemen heraus Einarbeitung in Themen wie Mitochondriopathie, Fatique, Mikronährstoffe, Immunsystem, vegetatives Nervensystem, Entwicklungstraumata, Familien-/ Ahnen-Themen, Histaminose, Mastzellaktivierungssyndrom, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Schwermetallbelastung, Darm-Mikrobiom, Reaktivierung von viralen Infektionen und Zusammenspiel all dieser Elemente untereinander und auch mit der Körperhaltung durch unwillkürlichem Muskeltonus durch psychische Themen in verschiedenen Bereichen, dem Umgang mit sich selbst innerlich wie äußerlich, der Wahrnehmung von sich selbst, eigenen Bedürfnissen, eigenen Grenzen, das Sich selbst ernst nehmen, auch im Kommunizieren usw.
Nachdem ich versuchte, die Symptomatik eines Shiatsuklienten zu "therapieren", in der ganzen Komplexität zu verstehen und diesbezüglich zu beraten, fiel ich aus der vollständig annehmenden Haltung, die so wesentlich für Shiatsu ist, heraus. Da ich aus der Therapie chronischer Schmerzpatienten und auch aus meinen eigenen Erfahrungen gelernt habe, dass letztlich das wirkt, was ich täglich mit mir und meinem Körper mache und dass jedwede Behandlung nur ein Impuls ist, der ohne mein Eigenengagement und Veränderungen in meinem Umgang mit mir selbst in meinem Alltag nach kurzem verpufft... wollte ich auch hierzu Unterstützung anbieten... Nun geriet ich noch mehr weg vom vollständigen Annehmen.. schließlich war es ja nötig, dass auch im Alltag etwas geändert wurde... Und das bräuchte natürlich für eine gewisse Zeit auch eine Regelmäßigkeit der Behandlungsstunden, bis alles erstmal verinnerlicht wäre... Aber auch das zu fordern ist für mich kein Shiatsu ...
Zuletzt mochte ich mein Shiatsuzimmer nicht mehr..
Shiatsu ist für mich etwas so besonderes, das ich fast durch Verknotung mit medizinischen Aspekten verloren hätte... es ist etwas Unbezahlbares.. eine geborgene Ermutigung in einem sicheren aber freien Raum sich selbst zu begegnen.
Das ist für mich persönlich das Herz von Shiatsu. Und es ist für all das komplexe Geschehen einer Symptomatik ein Same, auf psychischer, körperlicher und geistiger Ebene selbst im Alltag fast unmerklich Schritte zu gehen, die die eigene Gesundheit auf allen Ebenen unterstützen.
Das ist es, was ich mit Shiatsu anbiete: einen sicheren, freien Raum, mit wohlwohlendem, annehmenden, wertschätzenden Blick auf den Menschen als Ganzes Wesen. Einen sanften, klaren, achtsamen, respektvollen Kontakt in der Berührung von Körper und Meridianen, der wagen lässt, innere Themen zu spüren, innere Prozesse körperlich, wie psychisch zu durchlaufen, für die man in diesem Moment bereit ist.